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      Viele spezialisierte Arten in lichten Wäldern

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      Mit einem Holzschlag wurde in einem Föhrenwald bei Leuk VS Raum für den Ziegenmelker geschaffen. © Antoine Sierro

      Lichte Wälder sind offen in der Baumschicht und lassen viel Licht auf den Boden. Viele spezialisierte Arten brauchen lichte Wälder als Lebensraum, vor allem Pflanzen und Insekten, aber auch einige Vogelarten. Auffallend viele davon sind gefährdet und auf Schutz- und Fördermassnahmen angewiesen. Einige Förderprojekte laufen, aber es braucht weitere Anstrengungen.

      Lichte Wälder bieten Lebensraum für viele heute seltene und gefährdete Pflanzen- und Tierarten. Solche Wälder haben einen geringen Kronenschluss, wodurch viel Licht auf den Boden oder auf die bodennahe Vegetation gelangt. Ohne menschliche Eingriffe kommen solche Wälder nur auf extrem unproduktiven Standorten vor, wo Bäume und Sträucher trotz viel Licht kaum wachsen können, weil es entweder zu trocken oder zu feucht ist oder nur sehr wenige Nährstoffe vorhanden sind. Beispiele dafür sind verschiedene Typen von wärmeliebenden Waldföhrenwäldern, Lärchenwälder an der oberen Waldgrenze in den Südalpen und Hochmoor-Bergföhrenwälder.

      Lichte Wälder können aber auch durch den Menschen entstehen und waren früher viel weiter verbreitet als heute. Im Gegensatz zur aktuell üblichen geordneten forstlichen Nutzung, welche die Produktion von Stammholz zum Ziel hat, war die Nutzung der Wälder früher auf grossen Flächen äusserst vielfältig. Praktisch alles nutzbare Material wurde dem Wald entnommen: Holz, Laubstreue oder frisches Laub, Beeren, Rinde, Koniferenzapfen und, durch Mahd oder Beweidung, auch der Unterwuchs. Durch diesen massiven Austrag von Biomasse und Nährstoffen entstanden mit der Zeit sehr magere Böden und damit Lebensräume für Pflanzen- und Tierarten, die auf etwas nährstoffreicheren Böden sofort von konkurrenzkräftigeren, «dominierenden» Arten verdrängt werden. Im Grunde genommen kann man die Lebensräume, die durch jene vielfältigen und intensiven Nutzungen entstanden sind, gar nicht als «Wald» im eigentlichen Sinn bezeichnen. Es handelte sich in der Regel eher um parkähnliche Misch-Landschaften mit einzelnen Bäumen und Gruppen von Sträuchern sowie sehr kurz gehaltener Bodenvegetation. Im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts verloren solche vielfältige Nutzungsformen weitgehend ihre wirtschaftliche Bedeutung. Sie wurden alle aufgegeben, mit Ausnahme der Waldweide, die in den Alpen und im Jura bis heute betrieben wird. In einigen Regionen der Alpen ist das auch heute noch auf über 20 % der gesamten Waldfläche der Fall.

      Bergföhrendominierter Wald mit einzelnen Fichten auf moorigem Boden – lichter Bestand und sehr wertvoller Auerhuhn-Lebensraum. Wegen der extrem geringen Wüchsigkeit bleibt dieser Wald langfristig von selbst offen und Fördermassnahmen braucht es nicht.

      © Pierre Mollet

      Lichte Wälder für Pflanzen und Insekten, aber auch für Vögel

      Arten, die lichte Wälder an mageren Standorten als Lebensraum bevorzugen, gibt es Hunderte. Dazu gehören vor allem Pflanzen wie beispielsweise der Rundblättrige Hauhechel Ononis rotundifolia in Steppen-Föhrenwäldern inneralpiner Täler oder der Flaumige Seidelbast Daphne cneorum als typische Pflanze kalkreicher Föhrenwälder. Auch für viele Insekten sind lichte Wälder wichtige Lebensräume. Geiser nennt für Deutschland 1343 holzbewohnende Käferarten, von denen die Mehrheit lediglich solche Alt- und Totholzbestände nutzen kann, die durch ihren lockeren, parkartigen Aufbau ein trockenwarmes Bestandsklima aufweisen, zum Beispiel der Grosse Eichenbock Cerambyx cerdo und der Schwarzkäfer Bius thoracicus. Auch unter den Vögeln gibt es einige Arten, die lichte Wälder besiedeln. Wälder, die beispielsweise als Lebensraum für Ziegenmelker, Berglaubsänger, Mittelspecht, Turteltaube, Auerhuhn und Haselhuhn geeignet sind, unterscheiden sich zwar in mancher Hinsicht, doch haben sie als gemeinsames Merkmal den lückigen Kronenschluss.

      Handlungsbedarf bei Schutz- und Förderprojekten

      Angesichts der vielen Arten lichter Wälder, die zumindest regional gefährdet sind, haben entsprechende Schutz- und Förderprojekte eine hohe Priorität. Für einzelne Arten wie das Auerhuhn oder den Ziegenmelker gibt es solche Programme schon seit einigen Jahren. Beim Auerhuhn war es der Bund, der bereits 1988 die Vogelwarte mit dem Auerhuhn-Schutzprojekt betraute. Im Fall des Ziegenmelkers setzte der Kanton Wallis gemeinsam mit der Vogelwarte ab 2001 Fördermassnahmen um. In beiden Fällen gibt es zwar erste Erfolge, aber die Wende hin zu grossflächig positiven Bestandstrends ist bei beiden Arten noch nicht gelungen.

      Der Kanton Zürich verfolgt einen anderen Ansatz, der weniger auf einzelne Arten, sondern eher auf lichte Wälder als vielfältige Lebensräume zielt. Bereits zu Beginn der Neunzigerjahre wurde bei den Arbeiten für das kantonale Naturschutz-Gesamtkonzept die Bedeutung lichter Wälder hervorgehoben. Der Kanton etablierte später einen speziellen Aktionsplan für die Förderung lichter Wälder. Auch der Bund hat den Handlungsbedarf erkannt. Ein «Aktionsplan lichte Wälder und Pionierstandorte für National Prioritäre Arten» ist gegenwärtig in Erarbeitung.

      Lichter Eichen-Föhrenwald auf sandigem Boden im nördlichen Kanton Zürich. Die lichte Struktur muss mit Massnahmen wie regelmässiger Mahd aufrechterhalten werden. Damit entsteht ein wertvoller Lebensraum für zahlreiche Orchideenarten.

      © Gilberto Pasinelli

      Unterschiedliche Massnahmen und regelmässige Pflege

      Je nach Bodenverhältnissen, klimatischen Bedingungen und Zielarten können die Massnahmen zum Auflichten der Wälder sehr unterschiedlich sein. In einem Fall kann Beweidung mit Rindern, manchmal die Beweidung mit Schafen oder gar Ziegen nötig sein, in wieder anderen Fällen genügt eine regelmässige Mahd. Allenfalls reichen auch forstliche Eingriffe, sogenannte «Lichtungsschläge» aus, um Wälder aufzulichten. Gemeinsam ist allen Massnahmen, dass sie prioritär in Wäldern auf möglichst unproduktiven Böden umgesetzt werden sollen. Sind die Böden zu produktiv, wächst die Vegetation mit dem grossen Lichtangebot zu schnell wieder ein. Allerdings gibt es auch Wälder, zum Beispiel die eingangs erwähnten Hochmoor-Bergföhrenwälder, die derart unproduktiv sind, dass es für die Erhaltung der Lebensraumqualität in der Regel keine Massnahmen braucht.

      Text: Pierre Mollet & Gilberto Pasinelli


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