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      Vögel des Ackerlands im Sturzflug

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      Ältere Buntbrachen mit vielen Strukturen wie Einzelbüschen, Brombeeren und trockenen Stängeln vom Vorjahr beherbergen zahlreiche Vogelarten, die hier ausreichend Deckung und Warten finden. © Jérôme Duplain

      Die Feldvögel mussten im vergangenen Jahrhundert im wahrsten Sinne des Wortes «Federn lassen». Bis heute hält diese Tendenz trotz Förderprogrammen des Bundes zugunsten der Biodiversität in der Landwirtschaft fast ungebremst an. Daher müssen die Massnahmen dringend korrigiert werden. Mehrere erfolgreiche Projekte zeigen, in welche Richtung es gehen sollte.

      Das Ackerland nimmt ein Viertel der gesamten landwirtschaftlichen Fläche ein und umfasst wichtige Lebensräume für die Brutvögel. Gesamtschweizerisch gesehen gelten acht Vogelarten als typische Feldvögel: Wachtel, Rebhuhn, Kiebitz, Feldlerche, Dorngrasmücke, Schwarzkehlchen, Schafstelze und Grauammer. Sie brüten alle hauptsächlich im Ackerland und legen ihr Nest entweder direkt in den Kulturen oder in brachliegenden Flächen wie Brachen oder ungenutzten Böschungen an. Auch wenn im Ackerland weitere Brutvogelarten angetroffen werden können, bauen diese ihre Nester vorwiegend in anderen Lebensräumen.

      Die Lage ist alarmierend

      Wie fast in ganz Europa sind die Bestände der Feldvögel auch in der Schweiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts drastisch eingebrochen. Die typischen Arten, die heutzutage noch vorkommen, sind vor allem in den grossen Ackerbaugebieten im Westschweizer Mittelland, in der Ajoie JU und im Klettgau SH zu finden, obschon einzelne Arten, insbesondere Feldlerche und Wachtel, auch Wiesen und Weiden im Jura und in den Alpen besiedeln.

      Die Situation der acht Feldvogelarten hat sich seit 1993–1996 weiter verschlechtert, wie die Karte der Veränderung ihrer Vorkommen zeigt, insbesondere im mittleren und östlichen Mittelland, in den Voralpen und in den Tallagen der grossen Alpentäler. Mehrere regionale Untersuchungen belegen eine ähnliche Entwicklung; einzig das Schwarzkehlchen stellt eine erfreuliche Ausnahme dar.

      Änderung der Verbreitung seit 1993–1996 der typischen Feldvögel. Die Karte entstand durch die Kombination der Veränderungskarten der acht Arten.

      Positive Entwicklungen gibt es nur in wenigen Regionen. Sie sind auf lokale Förderprojekte für die Feldvögel und ihre Lebensräume zurückzuführen. Beispiele sind die Champagne genevoise, das Grosse Moos BE/FR und das Klettgau.

      Verbreitung 2013–2016 der typischen Feldvögel. Die Karte zeigt das kumulierte Vorkommen der folgenden acht Arten pro Kilometerquadrat: Wachtel, Rebhuhn, Kiebitz, Feldlerche, Dorngrasmücke, Schwarzkehlchen, Schafstelze und Grauammer.

      Ackerland unter Druck

      Alle Feldvogelarten sind stark von der Landwirtschaft in den Ebenen und ihrer Bewirtschaftungsweise abhängig. Diese ist zumeist intensiv, immer mehr rationalisiert und stark industrialisiert, und Pestizide werden im grossen Stil eingesetzt. Umweltfreundlichere Produktionsformen wie der biologische Anbau oder die extensive Getreideproduktion («Extenso») finden sich nur auf 20 % der Ackerfläche im Flachland. Diese ist zudem seit 1997 selber um 210 km2 geschrumpft (–5 %), zu einem grossen Teil zugunsten von Siedlungsflächen.

      Um die negativen Folgen der intensiven Produktion auf die Biodiversität auszugleichen, unterstützt der Bund das Anlegen von Biodiversitätsförderflächen (BFF) und hat eine Liste von Zielarten für die Landwirtschaft festgelegt. Unter den fünf BFF-Typen im Ackerland fördern insbesondere Buntbrachen, Rotationsbrachen und Ackersäume viele der Zielarten wirksam; sie werden als BFF mit hoher Öko-Qualität bewertet. Die Vogelwelt profitiert stark von Buntbrachen, insbesondere wenn sie älter sind und mehr Strukturen aufweisen. Derzeit machen hochwertige BFF aber nur knapp 0,8 % der offenen Ackerfläche aus. Das ist verschwindend wenig im Vergleich zu den Naturwiesen und Weiden, wo der Anteil hochwertiger BFF 8 % ausmacht. Und offensichtlich sind hochwertige BFF im Ackerland auch viel zu selten, um den Niedergang der Feldvögel zu stoppen.

      Die Zielvorgaben sind erreichbar!

      Die Feldvögel benötigen dringend mehr geeigneten Lebensraum. Aus den erfolgreichen Projekten bei Genf, im Grossen Moos und im Klettgau geht hervor, dass im Ackerland mindestens 3 % der Fläche als BFF mit hoher Öko-Qualität reserviert werden sollten, hauptsächlich in Form von Brachen und Ackersäumen. Dies würde im Vergleich zur aktuellen Situation mehr als eine Verdreifachung der Fläche darstellen. Auf landschaftlicher Ebene betrachtet, also unter Einbezug der nicht landwirtschaftlich genutzten Umgebung, braucht es im Talgebiet mindestens 10–14 % hochwertige Lebensräume, um die bedrohten Arten im Kulturland effektiv zu fördern. Die erfolgreichen Projekte zeigen, dass diese Ziele erreichbar und für die Landwirte auch finanziell interessant sind. Es ist daher dringend, dass der Bund solche Projekte fördert. Parallel dazu sollten extensive Anbaumethoden entwickelt werden.

      Das Schicksal der Feldvögel und der Biodiversität im Ackerland ist eng mit der Ausrichtung unserer Landwirtschaftspolitik verbunden. Diese sollte unverzüglich die produktive Landwirtschaft und den Naturschutz miteinander verbinden.

      Text: Jérôme Duplain


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