Soziale Attraktion als Artenförderungsmassnahme

      Bei der Wahl des Brutortes spielen bei Vögeln neben der Lebensraumqualität auch soziale Reize wie die Präsenz oder die Dichte von Artgenossen eine Rolle. In einem anwendungsorientierten Forschungsprojekt der Schweizerischen Vogelwarte wird untersucht, ob über diesen Mechanismus die Ansiedlung bestimmter Vogelarten beeinflusst und dies für die Artenförderung genutzt werden kann.

      Ziele

      Schutz, Aufwertung, Wiederherstellung und Neuschaffung von hochwertigen Lebensräumen sind prioritäre Massnahmen im Naturschutz. Weil solche Lebensräume in der heutigen intensiv genutzten Landschaft oft klein und nicht mit anderen Lebensräumen vernetzt sind, ist deren Neu- oder Wiederbesiedlung durch Tiere und Pflanzen erschwert.

      Um Neu- oder Wiederbesiedlungen zu unterstützen, wurde bei verschiedenen Vogelarten eine Methode bereits erfolgreich angewandt. Dabei werden in geeigneten, aber unbesetzten Gebieten zu einem bestimmten Zeitpunkt Gesänge oder Rufe abgespielt, um das Vorkommen einer Art vorzutäuschen und damit Vögel zur Ansiedlung anzuregen („soziale Attraktion“).

      Das Projekt testet die Methode der sozialen Attraktion bei verschiedenen gefährdeten Vogelarten. Basierend auf diesen Resultaten werden neue Massnahmen zur Förderung dieser gefährdeten Vogelarten entwickelt. Gleichzeitig werden neue Erkenntnisse zum Ansiedlungsverhalten von Vögeln gewonnen und ein detailliertes Bild der kleinräumigen Muster geben, wann und wo sich Vögel ansiedeln. Für eine bessere Förderung und den zukünftigen Schutz gefährdeter Vogelarten ist dies eine notwendige Grundlage.

      Vorgehen

      In verschiedenen Teilprojekten (Dauer 1–2 Jahre) wird die Methode der sozialen Attraktion bei verschiedenen gefährdeten Vogelarten getestet.

      1. Braunkehlchen

      Im Rahmen der Masterarbeit von Simon Kofler wurde 2018 experimentell untersucht, ob das Ansiedlungsverhalten des Braunkehlchens mit dem Abspielen von arteigenen Gesängen beeinflusst und dies für Massnahmen zur Förderung des Braunkehlchens angewandt werden kann. Dieses Teilprojekt wurde im Unterengadin auf 39 Wiesenflächen mit und 40 Kontrollflächen ohne Gesangsstationen durchgeführt.

      2. Wendehals

      Im Jahr 2019 liegt der Fokus auf dem Wendehals, im Rahmen des von der Vogelwarte Sempach und BirdLife Schweiz koordinierten Förderprojekts in den Kantonen Bern, Solothurn und Aargau. Auf 30 Flächen dieser Projektgebiete wird die Methode der sozialen Attraktion getestet. Gleichzeitig wird auf diesen Flächen das Ameisenangebot untersucht, das ein Schlüsselfaktor im Lebensraum des Wendehalses darstellt.

      Bedeutung

      1. Braunkehlchen

      Das Braunkehlchen benötigt Gebiete mit grossen Flächen von Heuwiesen, die erst nach der Brutzeit der Braunkehlchen gemäht werden. Bewirtschaftungsänderungen zugunsten des Braunkehlchens stehen jedoch entgegen der allgemeinen Tendenz zur Intensivierung der Landwirtschaft im Berggebiet. Daher braucht es ergänzende Fördermassnahmen, beispielsweise die Anwendung der Methode der sozialen Attraktion. Sonst ist es unwahrscheinlich, dass die negative Bestandesentwicklung des Braunkehlchens gestoppt werden kann.

      2. Wendehals

      Für die langfristige Erhaltung der Art in der Schweiz wird ein Artenförderungsprojekt umgesetzt, bei dem die Gebiete mit aktuellen Wendehalsbeständen miteinander vernetzt werden. Mit der Anwendung der Methode der sozialen Attraktion sollen diese Anstrengungen unterstützt und verbessert werden.

      Ergebnisse

      1. Braunkehlchen

      Die Resultate des Jahres 2018 zeigen, dass sich Braunkehlchen bei der Revierwahl nicht durch Gesangsattrappen beeinflussen lassen. Beim Braunkehlchen taugt dieses Verfahren also nicht als Förderinstrument. Die Ansiedlungswahrscheinlichkeit war hauptsächlich von der Distanz zu einem der vier Unterengadiner Kernbestände abhängig, die mehr als 35 Braunkehlchen-Reviere umfassen und damit gute Aussichten auf Bruterfolg bieten. Die meisten Braunkehlchen siedelten sich in weniger als 2 km Distanz um diese Bestände an. Intensiv und extensiv bewirtschaftete Mähwiesen wurden etwa gleich häufig besiedelt, angesäte Kunstwiesen hingegen gemieden. Fördermassnahmen für das Braunkehlchen müssen sich also noch stärker auf den Schutz der verbliebenen Kernbestände und die Aufwertung der Wiesen in deren näherer Umgebung fokussieren.

      Projektleitung

      Matthias Vögeli
      Martin Grüebler
      Reto Spaar
      Michael Lanz

      Partner

      Lokale Ornithologinnen und Ornithologen
      Bundesamt für Umwelt BAFU
      BirdLife Schweiz

      Publikationen