Strassentauben

    Die Probleme, die in Zusammenhang mit Strassentauben auftreten können, sind vielfältig und in jeder Stadt anders gelagert. Es gibt kein Patentrezept, die Situation muss genau abgeklärt werden, bevor Massnahmen getroffen werden. Dazu sind Fachleute beizuziehen, die über Erfahrung auf diesem Gebiet verfügen.

    Die Strassentaube - ein faszinierendes Tier

    Unsere mitteleuropäischen Strassentauben sind die Nachkommen verwilderter Haustauben. Alle Taubenrassen stammen von der Felsentaube ab, die heute noch an einigen Felsenküsten des Mittelmeeres lebt - wenn auch wohl nirgends mehr in reiner Form. Die Strassentaube ist eines der erfolgreichsten Wirbeltiere des städtischen Lebensraumes und hat in den letzten Jahrzehnten in den meisten grösseren Städten mehr oder weniger grosse Populationen aufgebaut. Da die Brutzeit sehr kurz ist (ca. 18 Tage), kann ein Taubenpaar unter optimalen Bedingungen in einem Jahr bis zu zwölf Jungtiere aufziehen.

    Plage oder Bereicherung?

    Für viele Menschen sind Tauben sehr wichtig, denn sie ermöglichen das Beobachten von Tieren, die in Freiheit leben. Sie bringen Leben in die Städte und können so für ein besseres Tierverständnis werben. Kaum ein Tier hat aber die Meinungen der Menschen so polarisiert wie die Strassentaube. Den einen ist sie Kinderersatz und Lebensinhalt, den anderen eine lästige Plage, die es auszurotten gilt.
    In den letzten Jahrzehnten haben die Taubenbestände in den Städten stark zugenommen, da das Nahrungsangebot grösser wurde. Einerseits finden die Tauben viele fressbare Abfälle. Andererseits erhalten die Tiere das grösste Futterangebot durch «tierliebende» Menschen, die sie füttern. Das mögen die Tauben, gut tut es ihnen hingegen nicht! Denn das Taubenfutter stellt eine einseitige Ernährung dar und führt zu einem Mangel an Mineralstoffen und Vitaminen. Die Fütterung der Tauben führt zudem zu einem übermässigen Anwachsen der Populationen und verursacht verschiedene Probleme:

    • Taubenkot ist ein idealer Nährboden für Schimmelpilze, die sogar Gestein zerstören können.
    • Aus Brutplätzen können Parasiten wie die Taubenzecke, Flöhe und Blutmilben auswandern und auch den Menschen befallen.
    • Die hohen Taubenpopulationen geraten bei der Suche nach Nistplätzen in Not, denn die Zahl von geeigneten Brutplätzen nahm in den letzten Jahrzehnten stetig ab. Viele geeignete Gebäude wurden saniert oder abgerissen. So entstand ein grosser Druck auf die wenigen geeigneten Nistplätze, was zu einer Überbesetzung dieser Orte führte. Die Folgen sind Erhöhung von Stress, Krankheiten und Parasiten. In erster Linie sind dabei die hilflosen Nestlinge betroffen.
    • Nicht unterschätzt werden dürfen Schäden und Belästigungen: Verunreinigungen von Gebäuden und Denkmälern durch Taubenkot; Schäden an Grünanlagen, durch artuntypisches Fressen der Knospen und Blätter. Das letztere Phänomen ist auf eine Mangelerscheinung bei den Tauben zurückzuführen. Der Mangel an Mineralstoffen und Vitaminen entsteht durch das ungeeignete Futter der taubenfütternden Menschen.
    • In zu grossen Populationen von Strassentauben leben in der Regel viele kranke Tiere. In freier Wildbahn fallen solche Tiere als erstes ihren Fressfeinden zum Opfer. Diese natürliche Selektion funktioniert in den Städten aber nicht mehr, weil die Fressfeinde (Greifvögel) eher rar sind. Deshalb leben kranke Tiere unnatürlich lange und können so Krankheiten auf andere Individuen übertragen.

    Die hohe Populationsdichte macht also in erster Linie den Tauben selber zu schaffen. Die oft elendiglichen Lebensbedingungen sind aus Sicht des Tierschutzes nicht tragbar und müssen im Interesse der Tauben verbessert werden. Das Ziel muss sein, dass sich in einer Stadt eine angemessen grosse und gesunde Population von Tauben entwickeln und erhalten kann.

    Für Tierfreunde gilt deshalb: Tauben nicht füttern!

    Das Ziel muss sein, dass sich in einer Stadt eine angemessen grosse und gesunde Population von Tauben entwickeln und erhalten kann.

    Schiessen, vergiften, vertreiben?

    Massnahmen wie Schiessen, Vergiften und die «Pille» für die Taube ist kein dauerhafter Erfolg beschieden. Schwärme, die z. B. bis auf 20 % ihrer Grösse reduziert worden waren, hatten bereits nach wenigen Wochen ihren früheren Bestand wieder erreicht oder wurden noch grösser! Das Töten von Tauben hat keinen dauerhaften Einfluss auf deren Populationsgrösse. Die Lücken von entfernten Individuen werden innerhalb kürzester Zeit wieder durch Jungtiere geschlossen. Taubenpopulationen können nur verkleinert werden, wenn die Nahrungsgrundlage eingeschränkt wird. Dazu bedarf es aber auch der Mithilfe der Taubenfreunde.

    Abwehrmassnahmen

    Manchmal ist es unumgänglich, dass den Tauben an Gebäuden, Denkmälern usw. der Zugang verweigert wird. Es gibt mehrere Firmen, die sich bei der Abwehr von Tauben auskennen und entsprechende Produkte anbieten. Werden Abwehrmassnahmen getroffen, ist unbedingt darauf zu achten, dass Systeme eingesetzt werden, die aus Sicht des Tierschutzes unbedenklich sind. Ungeeignete Massnahmen können Tauben erheblich verletzen. Dazu gehören Stacheln mit spitzen Enden, Elektrosysteme mit starken Schlägen, nicht fachgerecht angebrachte Netze. Ultraschall, Magnetsysteme und geruchswirksame Substanzen sind zumindest längerfristig wirkungslos.
    Generell muss festgehalten werden, dass Abwehrsysteme nur der Symptombekämpfung dienen und die Tauben auf die nächsten Gebäude ausweichen. Probleme mit zu hohen Taubenbeständen müssen deshalb an der Wurzel angepackt werden.

    Gemeinsam ans Ziel

    Da in jeder Stadt die Rahmenbedingungen anders sind, können keine allgemein gültigen Patentrezepte für die Lösung des Strassentaubenproblems angeboten werden. Es bedarf einer sorgfältigen Analyse der Situation durch Fachleute und einer den lokalen Bedingungen angepassten Strategie. Dabei ist der Konsens zwischen Stadtbehörden, den Menschen, die Tauben füttern, und den lokalen Tierschutzorganisationen von entscheidender Bedeutung.

    Ein bewährtes Modell als Lösung

    In den späten 1980er-Jahren wurde in der Stadt Basel die Taubenaktion als gemeinsames Projekt der Universität, des Sanitätsdepartementes Basel und des Basler Tierschutzvereins unter der Leitung von Daniel Haag-Wackernagel ins Leben gerufen. Das Ziel der Taubenaktion war die Entwicklung einer nachhaltigen und tierschützerisch einwandfreien Methode zur Regulierung von Strassentaubenbeständen. Man wollte einen kleinen und dafür gesunden Taubenbestand. Bei diesem Modell standen kontrollierte Taubenschläge im Mittelpunkt: Ein Taubenwart betreut den Schlag, reinigt ihn regelmässig, kontrolliert die Tiere und tauscht wenn nötig Eier aus. Gleichzeitig wurde die Bevölkerung aufgeklärt, dass das Füttern von Tauben den Tieren mehr schadet als nützt. Das Motto «Tierschutz ist: Tauben nicht füttern!» verstanden die meisten Menschen. Das unkontrollierte Füttern der Tauben konnte so stark eingeschränkt werden. Mit diesen Massnahmen sank innerhalb von wenigen Jahren die Population von Strassentauben erheblich. Heute leben in der Stadt Basel gesunde Tauben, zur Freude der vielen Taubenfreunde. Viele Städte im In- und Ausland haben inzwischen dieses Modell erfolgreich übernommen (z. B.: Bern, Lugano, Berlin, Karlsruhe usw.).

    Herausgeber

    Schweizer Tierschutz STS, Dornacherstrasse 101, 4018 Basel. Tel. 061 365 99 99, www.tierschutz.com, sts@tierschutz.com